IMG_4403Alles begann am 5. September 2013 um 6 Uhr morgens, als Dienstwägen der Polizei und des Jugendamtes auf unser Grundstück rollten. Innerhalb weniger Minuten waren ungefähr hundert Polizisten und ein ganzer Haufen Sozialarbeiter auf unserem Gelände. Sie zögerten keinen Moment, sich „an die Arbeit zu machen“. Sie drangen in die Häuser ein. Als sie in unser Haus kamen, sagten sie gleich, dass sie alle Kinder unter 18 Jahren mitnehmen würden. Sie waren nicht willig, uns irgendwelche Informationen darüber zu geben, warum sie sich zu so einer Maßnahme entschlossen hatten.

Kurze Zeit später fand ich mich in einem Auto wieder, das zum Jugendamt nach Donauwörth fuhr. Ich erinnere mich daran, wie ich die Frau auf dem Beifahrersitz fragte, ob wir wenigstens zurückgehen und ein paar Sachen packen könnten, da wir nichts dabei hatten (die Polizei und Sozialarbeiter hatten uns nicht mal Zeit gegeben, einen Extrasatz Kleider mitzunehmen!). Sie antwortete mir, dass das wahrscheinlich möglich sei – zu meiner Enttäuschung hat das dann aber nie stattgefunden.JA Auto

Als wir beim Jugendamt angekommen waren, mussten wir uns alle auf Anzeichen von Misshandlung untersuchen lassen. Es wurden uns auch ein paar Fragen gestellt. Obwohl sie an niemandem von uns irgendetwas Auffälliges finden konnten, änderten sie dennoch nicht ihre Meinung. Sie schienen es sich in den Kopf gesetzt zu haben, uns von unseren Eltern zu trennen und wollten diesen Entschluss nicht loslassen. Nachdem wir mehrere Stunden gewartet und eine heiße Diskussion mit den Mitarbeitern des Jugendamtes geführt hatten, haben sie mir erlaubt, mit einer meiner jüngeren Freundinnen zusammen zu bleiben. Sie hatten uns trennen und in zwei verschiedene Ecken des Landes bringen wollen, nur durch unsere Hartnäckigkeit konnten wir das verhindern.

Sie brachten uns zu einer Einrichtung mitten im Nichts, an einen Ort, dessen Namen ich noch nie zuvor gehört hatte. Nach einer ungefähr zweistündigen Fahrt kamen wir in unserem „Gefängnis“ an. Hier waren wir nun also: eine Kirche und ein paar andere Gebäude, umgeben von Mauern, Zäunen und Toren. In unserem Appartement im „Jugendschutz“ angekommen, fanden wir genau das Gleiche vor: IMG_3367abgeschlossene Türen und Fenster und eine Reihe von Gesetzen und Regeln. Wir wurden so behandelt, als wären wir total kaputte Jugendliche, die entweder schrecklich misshandelt und deswegen verrückt geworden waren oder die völlig außer Kontrolle und gewalttätig waren. Wir wurden auf Schritt und Tritt überwacht.

Da waren wir nun also. Wir hatten keine Ahnung, wo wir waren, geschweige denn, wo sie unsere Freunde und Geschwister hingebracht hatten. Wir fragten, ob wir unsere Eltern anrufen oder Kontakt zu unseren Freunden haben könnten. Beides wurde uns von den Erziehern nicht erlaubt mit der Begründung, wir müssten auf unseren Ergänzungspfleger warten, der erst am Montag kommen würde (es war Donnerstag!). Das Leben war einfach nur schrecklich hier – nichts zu tun und das Schlimmste war diese Kontaktsperre!

Nach ein oder zwei Tagen holte mich die Wirklichkeit ein. Ich wachte langsam aus meinem Schockzustand auf. Als mir klar wurde, was passiert war, konnte ich nur noch auf meinem Bett sitzen und heulen. Zum Glück war ich nicht alleine! Meine kleine Freundin war mein einziger Trost. Ich erinnere mich daran, wie ich abends ins Bett ging und jedes Mal froh war, dass wieder ein Tag vorbei war. Wir haben nur auf den Tag gewartet, an dem wir endlich unsere Eltern anrufen oder erfahren konnten, was hier eigentlich Sache war.

Familienfreundlich DONEndlich kam der Montag – unser Ergänzungspfleger kam allerdings nicht wie versprochen! Stattdessen rief er uns an. Er erzählte, dass meine Eltern heute bei ihm im Büro gewesen seien, sie hätten ihm eine Karte und ein paar andere Sachen für mich gegeben und Grüße ausgerichtet. Er könne mich und meine Freundin allerdings erst am Mittwoch oder Donnerstag besuchen. Dann würden wir auch erfahren, wann wir unsere Eltern kontaktieren könnten. Als das Telefonat beendet war, rannte ich in mein Zimmer und fing an zu weinen. Ich fragte die Erzieherin, warum ich eigentlich nicht selbst mit meinen Eltern sprechen könne. Warum konnten meine Eltern mir nicht persönlich sagen, was er mir gerade erzählt hatte? Sie konnte mir leider auch nicht weiterhelfen.

Jetzt mussten wir also wieder mehrere Tage warten, nur um zu erfahren, wann wir endlich unsere Eltern sprechen könnten. Es war ein Alptraum – oder besser gesagt, ich wünschte, es wäre nur ein schlimmer Traum, aus dem ich irgendwann aufwachen und dann feststellen würde, dass ich eigentlich zu Hause bei meinen Eltern und Freunden war. Aber leider war das nicht der Fall. Wir konnten also nur das Beste aus dieser Situation machen. Zum Glück hatten wir einander.

Schließlich kam der Mittwoch und mit ihm kamen auch unsere Ergänzungspfleger. Wir sprachen fast eine Stunde lang mit ihnen. Herr B. klärte uns ein bisschen über unsere Situation auf und darüber, wann wir Kontakt zu unseren Eltern haben könnten. Er sagte mir auch, dass ich am 18.09.2013 eine Anhörung bei der Richterin am Amtsgericht Nördlingen haben würde. Dann brachten sie uns die Sachen, die unsere Eltern uns mitgeschickt hatten. Ich war so froh, ein paar Karten von meiner Familie zu bekommen.

Es vergingen letztendlich nochmal zwei Tage, bis wir endlich mit unseren Eltern telefonieren durften. Ich war überglücklich! Es gab allerdings ein paar Bedingungen: Wir durften nur zehn Minuten lang telefonieren, es musste mindestens ein Erzieher dabei sein, der Lautsprecher musste an sein und wir durften unseren Eltern nicht sagen, wo wir waren. Also jetzt kann man sich vorstellen, was für ein Telefongespräch das war! So schrecklich!!! Auf einmal konnte ich nicht mal mehr normal mit meinen Eltern reden! Na ja, zumindest konnte ich ihre Stimmen hören, worüber ich schon glücklich war.

IMG_3425Am nächsten Tag (nach 9 Tagen im Heim!) konnten wir das erste Mal zusammen mit einer Erzieherin einen kleinen „Spaziergang“ über das Gelände der Einrichtung machen. Ganze zehn Minuten lang! Bis dahin waren wir nicht in der Lage gewesen rauszugehen, außer auf unserem zweiminütigen Schulweg mit den anderen Mädchen aus unserer Gruppe zusammen oder auf unserem Weg zum Speisesaal. Das war ja praktisch nichts. Es wurde uns auch nur erlaubt, einen Brief in der Woche zu schreiben und einen von unseren Eltern zu empfangen. Man darf jetzt allerdings nicht glauben, dass wir jetzt schreiben konnten, was wir wollten! Oh nein, es galten genau die gleichen Regeln wie bei unserem Telefonat: Wieder durften wir unseren Eltern nicht erzählen, wo wir waren; alle unsere Briefe mussten von den Erzieherinnen kontrolliert werden – die, die wir schickten und die, die wir bekamen auch. Was hatten wir bloß verbrochen, dass man uns so behandelte? Die wahre Antwort ist: absolut gar nichts!

IMG_3374Bis nach meiner Anhörung im Amtsgericht ging das so weiter. Dann konnte ich meine Eltern ohne Überwachung anrufen und meine Briefe wurden nicht mehr kontrolliert. Erst zwei Wochen nach meiner Anhörung, also vier Wochen nach der Razzia, durften meine Eltern mich zum ersten Mal besuchen. Sie durften eine Stunde lang da bleiben und es war immer mindestens eine Aufsichtsperson dabei. Am nächsten Tag zogen wir dann vom Jugendschutz in die „Mariengruppe“ um. Wir hatten gehört, dass die Mädchen normalerweise maximal 2-3 Wochen im Jugendschutz sein mussten. Aus irgendeinem Grund war das bei uns anders.

In der Mariengruppe gab es nicht ganz so strenge Regeln wie im Jugendschutz, aber aus irgendwelchen Gründen wurden wir anders behandelt als all die anderen Mädchen, obwohl meine Erzieher und Lehrer wussten, dass ich ein „braves“ Mädchen bin. Ich habe nie Probleme gemacht. Die Tatsache, dass wir anders behandelt wurden, musste also von „weiter oben“ angeordnet worden sein, nicht von den Erziehern selbst. Wenn mich meine Eltern besuchten, war es z.B. auffällig, dass die Erzieher immer sehr unter Druck standen und in Eile waren, meine Eltern pünktlich auf die Minute nach drei Stunden wieder loszuwerden. Eine Erzieherin erklärte uns, dass sie alles, was wir bei den Besuchen unternahmen, genau dokumentieren und dem Jugendamt weitergeben müssten.

Warum durfte ich am Wochenende nicht meine Eltern besuchen oder die Ferien zu Hause verbringen wie alle anderen Mädchen im Heim?

Manchmal waren wir die einzigen beiden Mädchen, die in unserer Gruppe übrig blieben, während alle anderen ihre Eltern oder Großeltern besuchten. Wir durften nicht mal alleine das Gelände verlassen, außer wenn meine Freundin Reitstunde hatte. Ich begleitete sie dann manchmal zum Reiterhof, der fünfzehn oder zwanzig Minuten zu Fuß entfernt war. Ich brachte sie dorthin und ging dann zurück. Einmal hatte eine der Erzieherinnen es uns beiden erlaubt, draußen spazieren zu gehen, was wir dann natürlich auch machten. Das war, wie sich herausstellte, ein riesengroßer Fehler von ihr. Sie hatte sich wahrscheinlich gedacht, sie könne uns wie alle anderen behandeln. Das nächste Mal, als wir das Gelände der Einrichtung verlassen wollten, wurden wir von einer anderen Erzieherin zurückgepfiffen, die uns energisch wissen ließ, dass wir das nicht hätten tun dürfen.

Ein paar Wochen später fragte mich eins der anderen Mädchen, ob ich mit ihr joggen gehen wolle. Ich wollte, zog mich um und war auf dem Weg nach unten, als mir gesagt wurde, ich dürfe das Gelände nicht verlassen. So etwas Verrücktes! Wieso wurde mir verboten, was ihr erlaubt war?

Warum wurde ich anders behandelt? Hatte das Jugendamt vielleicht Angst, dass ich, wenn ich mal draußen wäre, nach Hause zu meinen Eltern rennen würde? Wenn das der Fall war, warum hatten sie dann mich und all die anderen Kinder von unseren Eltern weggenommen? Warum sagten sie, wir seien in großer Gefahr, würden zu Hause zusammengeschlagen und möglicherweise sogar zu Tode geprügelt werden, wenn wir nur einen Tag länger zu Hause bleiben würden? Wäre das wahr, dann würden wir doch nicht zu unseren Eltern zurückrennen! Aber nein, wir wollten ja alle unbedingt zurück nach Hause! Das war doch ein Zeichen dafür, dass hier etwas überhaupt nicht mit rechten Dingen zuging!

Debecca cutEndlich, nach drei Monaten, in denen ich gegen meinen Willen von meinen Eltern getrennt war, wurde entschieden, dass ich zurück nach Hause gehen könnte. Es hatte nie einen Grund gegeben, mich drei Monate zuvor wegzunehmen. Alle Lügen und Anklagen, die gegen uns ausgesagt wurden, trafen auf mich nicht zu. Aus irgendeinem Grund durfte ich jetzt auf einmal zu meinen Eltern zurück, unter der Bedingung, dass sie mich auf die öffentliche Schule schicken. Warum? Das war überhaupt nicht der Grund gewesen, warum sie mich vor drei Monaten von meinen Eltern weggerissen hatten! Weshalb war das nun auf einmal die Bedingung für mich, um wieder nach Hause zurückgehen zu dürfen?

Ich war auf jeden Fall erst mal überglücklich – zumindest konnte ich zu meinen Eltern gehen. Ich musste aber meine liebe, kleine Freundin allein zurücklassen. Sie durfte nicht mit nach Hause! Wieder der Trennungsschmerz! Meine zehnjährige Freundin war jetzt allein in diesem Gefängnis, weit weg von Eltern und Freunden! So eine große Ungerechtigkeit! Sie war nicht die Einzige, die dieses große Leiden durchmachen musste. All diese 34 unschuldigen Kinder, die bei der Razzia ihren unschuldigen Eltern weggenommen wurden, leiden so sehr unter dieser großen Ungerechtigkeit! Das nenne ich Kindesmisshandlung!

Wie lange wird es noch dauern, bis endlich jemand die Augen für die Realität öffnet und den Schrei all dieser unschuldigen Kinder hört, die sich danach sehnen, nach Hause zurückgehen zu dürfen? Wer wird genug Mut aufbringen, um für Gerechtigkeit einzustehen?

Sarah Remmache, 17 Jahre alt

Screenshot from 2014-05-27 09:49:23