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KLZ_SchildDie meisten aller„Aussteiger“ aus verschiedenen Gruppierungen oder Religionen leben ohne großes Aufsehen zu erregen nach ihrem Ausstieg weiter. Ganz selten tritt das Phänomen des „Karriereaussteigers“ auf, der sich aus unterschiedlichsten Gründen in den Medien äußert. Man muss sich bei diesen Berichten aber ins Bewusstsein rufen, dass es sich um Ex-Mitglied-Karrieren handelt. Sie schreiben ein Buch und berichten außerhalb der Gruppe über die Gruppe. Diese Rolle wird zu ihrer neuen Identität und ihrem Erfolg.

Der „Karriereaussteiger“ Herr Pleyer hat sich nun in seinem Buch sehr ausführlich in der Öffentlichkeit präsentiert. Schon seit zwei Jahren tritt er immer wieder auf um seine Aussteiger-Erfahrungen kund zu tun, meistens unter falschem Namen. Im Focus, im Spiegel, und in mehreren RTL-Reportagen versucht er die „Zwölf Stämme“ anzuschwärzen und sich zu rächen.

Durch die „sensationellen“ Beschreibungen dieses missmutigen Mannes, dessen Frau in der Gemeinschaft geblieben ist, wird ein völlig falsches Bild über das Leben in den Zwölf Stämme Gemeinschaften verbreitet. Niemand berichtet, dass es Hunderte zufriedener Mitglieder gibt, darunter viele junge Menschen, die in den „Zwölf Stämmen“ aufgewachsen sind. Auch dass es andere Aussteiger gibt, die ihren Lebensweg gefunden haben, passt nicht in die „sensationelle“ Berichterstattung. Medienwirksam verkaufen sich eben nur Geschichten, die so aufgebauscht und äußerst dramatisch wirken.

Das Phänomen der „Karrriere-Aussteiger“ beschreibt der Religionswissenschaftler und Religionssoziologe Gerald Willms sehr anschaulich und seine Beobachtungen schildern genau, wie solche „Schreckensgeschichten“, wie die über die Zwölf Stämme, entstanden sind:

Wie fest der Glaube an die Sektenklischees und die »gehirngewaschenen« Anhänger in der Öffentlichkeit verankert ist, lässt sich gut daran erkennen, dass in der Öffentlichkeit nicht aktuelle, sondern ehemalige Anhänger als Repräsentanten von »Sekten« wahrgenommen werden.“…

… „Die als Kronzeugen auftretenden Aussteiger sind eigentlich nur jene, die willens und bereit sind, sich öffentlich und mit aller Entschiedenheit gegen ihre ehemalige Glaubensgemeinschaft zu stellen.
Und in dieser Rolle als Apostaten sind sie nicht einmal repräsentative Aussteiger, denn jedes Jahr verlassen Abertausende von Menschen aus den vielfältigsten Gründen »ihre« religiöse Gemeinschaft. Ein Prozentsatz ganz nahe 100 tut dies nebenwirkungsfrei und völlig »geräuschlos«, weil ihre tatsächlichen Erfahrungen nichts mit den oben genannten Klischees zu tun haben. Diese Menschen sind die eigentlich repräsentativen Aussteiger, sie finden aber niemals mediale Beachtung, weil sich Medien nicht für etwas Alltägliches interessieren.
Zitate
aus dem Buch des Religionswissenschaftlers/ Religionssoziologen Gerald Willms, Die wunderbare Welt der Sekten, Von Paulus bis Sceintology, 1. Auflage 2012, S. 275,276

Wir wollen uns gegen die feindseligen Anschuldigen der Medien auf diesem Niveau eigentlich nicht verteidigen. Für diejenigen aber, die sich ein objektives Bild machen möchten und wissenschaftliche Studien über RTL Reportagen als Informationsquelle bevorzugen, bieten wir den folgenden Bericht einer Universitätsprofessorin, Susan J. Palmer, an, die bekannt ist als führende Expertin auf diesem Gebiet. Sie ist eine renommierte Wissenschaftlerin und Religionssoziologin, die unter anderem die Zwölf Stämme seit 1988 erforscht hat, auch vor Ort bei zahlreichen Besuchen der Gemeinschaften rund um die Welt.

Hier einige Auszüge aus einer Eidesstattlichen Erklärung dieser Wissenschaftlerin, die den Gerichten und Ämtern vorgelegt wird:
 

Eidesstattliche Erklärung von Susan Jean Palmer

Hiermit bezeuge ich, Susan Jean Palmer, anhand von Kenntnissen und Beobachtungen erster Hand Folgendes:

Ich bin Affiliate Assistant Professor [Juniorprofessorin aus einem anderen Fachbereich, A.d.Ü.] an der Concordia University Montreal, an der ich über zwanzig Jahre lang gelehrt habe. Daneben bin ich Mitglied der religionswissenschaftlichen Fakultät der McGill University, an der ich als Forscherin an einem von der Social Sciences and Humanities Research Council (SSHRC) finanzierten Projekt arbeite. Ich bin Religionssoziologin und Autorin von zehn Büchern, die sich alle mit neuen Religionen befassen.

Seit 1987 erforsche ich die Zwölf Stämme und habe ihre Gemeinschaften in Vermont und Massachusetts (USA), in Winnipeg (Kanada), in Sus (Frankreich), in Bayern, Deutschland und in der Tschechischen Republik besucht. In akademischen Kreisen bin ich als vorrangige Autorität in Bezug auf diese neue religiöse Bewegung anerkannt. Ich habe sowohl mehrere Lexikoneinträge als auch Buchkapitel und Peer-Review-Zeitschriftenartikel über die Zwölf Stämme bzw. die Messianischen Gemeinschaften bzw. die Northeast Kingdom Community Church, wie sie früher hießen, verfasst. Meine Veröffentlichungen über die Zwölf Stämme werden am Ende dieses Dokuments aufgelistet. Die Zwölf Stämme sind nur eine von 17 neuen religiösen Bewegungen, die ich mittels standardmäßiger sozialwissenschaftlicher Methoden der qualitativen Forschung, der Feldforschung und Interviews usw., wie aus meinem Lebenslauf ersichtlich, erforscht habe.

[…] Soziologen, die das Phänomen der Aussteiger aus neuen Religionen studiert haben (s. Stuart Wright, Leaving Cults/Ausstieg aus Sekten, und Helen Rose Ebaugh, Becoming an Ex: The Process of Role Exit, Wie man ein Ehemaliger wird: Der Prozess des Rollenaustritts), haben herausgefunden, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, aus denen Menschen neue religiöse Bewegungen verlassen. […]

… [ergeben] meine Recherchen aus erster Hand und Daten, die andere Forscher in diesem Gebiet zusammengetragen haben, dass Mitglieder der zweiten Generation der Zwölf Stämme, die aus der Gruppe ausgestiegen waren, sehr wenig über Züchtigung auszusetzen haben. Eine interessante Tatsache ist, dass die Anzahl der Aussteiger unter Mitgliedern der zweiten Generation in den USA hoch ist. Ehemalige Mitglieder behaupten, dass sie sogar 80% erreicht und aktuelle Mitglieder räumen zwischen 50% und 75% ein.

[…] Meinem Eindruck nach beschreiben Aussteiger der zweiten Generation glückliche Kindheiten, hatten jedoch als junge Erwachsene das Gefühl, dass das Leben in den Zwölf Stämmen zu restriktiv wäre und wollten die Welt erkunden. Manche haben eine Glaubenskrise durchgemacht oder stimmten Regeln oder Veränderungen innerhalb der Organisation nicht zu oder mochten die immer gleichen niedrigen Arbeiten nicht, die ihnen zugeteilt wurden. Andere Forscher, die die Zwölf Stämme studiert haben, kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Natürlich wird kein Kind gerne gezüchtigt, aber für die Jugendlichen, die ausgestiegen sind, ist dies anscheinend ein sehr untergeordneter Punkt. […]

Die Kinder [der Zwölf Stämme] leben mit ihren Eltern und Geschwistern zusammen und genießen warme, enge Familienbeziehungen. Sie wachsen in einem für die Sinne angenehmen, naturnahen Umfeld auf, in renovierten Häusern im viktorianischen Stil, mit großen Küchen und exzellentem Essen, wunderschön restaurierten oder selbst gezimmerten Möbeln und selbstgenähten Kleidern. Sie haben Tiere, um die sie sich kümmern können und Musik, Tanz und Lieder gehören zu den täglichen Aktivitäten. Die Ausbildung entspricht den Tätigkeiten, denen sie zukünftig in ihren Lebensgemeinschaften nachgehen werden; Landwirtschaft, Baugewerbe, Kochen, Handwerk, Kfz-Mechanik usw. Während eine höhere Bildung an weiterführenden Schulen weder angestrebt wird noch üblich ist, fangen die Jugendlichen der Zwölf Stämme Lehren eigener Wahl an. Manche von ihnen haben unternehmerische Fähigkeiten entwickelt und neue, erfolgreiche Firmen ins Leben gerufen, […]

[] die Kategorie “Schreckensgeschichten von Aussteigern”, wie Soziologen sie nennen (s. David Bromley, Hrsg. The Politics of Religious Apostasy/Die Politik des religiösen Aussteigertums, Praeger, 1998). Es ist vergleichbar mit dem berühmten Stück antikatholischer Propaganda aus dem 19. Jahrhundert, Maria Monks Awful Disclosures of Maria Monk or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed (Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne in einem Kloster entlarvt). In diesem im Januar 1836 veröffentlichten, reißerischen Buch beschreibt Monk auf groteske Art ein “typisches” Kloster Montreals als Gefängnis für Nonnen, die ständig von den Priestern im benachbarten Seminar, die durch einen unterirdischen Tunnel hereinkommen, vergewaltigt werden. Ungewollte Babys werden getauft und dann im Klosterkeller vergraben.

Es ist ganz klar, dass es im Laufe der Jahrhunderte Nonnen und Mönche in der katholischen Kirche gegeben hat, die ihr Gelübde des Zölibats gebrochen haben und vielleicht gab es einige Fälle von Kindestötung, doch ist dies kaum ein realistisches Bild vom Klosterleben und vom Katholikentum insgesamt. Der Punkt ist, dass diese Art von Propaganda oft dann erzeugt wird, wenn die Religion einer Minderheit mit der sie umgebenden Gesellschaft in Konflikt steht. Man kann ähnliche Aussteigergeschichten von ehemaligen Mormonen, Amishen, Jehovahs Zeugen, Moslems, orthodoxen Juden usw. finden. Mary Dyer, eine „Karriereaussteigerin“ des 19. Jahrhunderts, die aufwieglerische Stücke gegen die Shaker wie A Brief Statement of the Sufferings of Mary Dyer (Eine kurze Darstellung der Leiden der Mary Dyer, 1822) geschrieben hat, ist ein berühmtes Beispiel für dieses Muster.

Nach meinem Sachverständigengutachten ist es eine unnötige Verletzung der Rechte der Kinder und Eltern, die Kinder von ihren Eltern zu trennen, da die Ärzte nach den Razzien im September 2013 keinerlei Beweise für Misshandlungen gefunden haben. Ich habe ähnliche Fälle von Razzien gegen andere religiöse Minderheiten studiert und kenne aus Erfahrung und aufgrund meiner Forschungen den Schaden, den viele Kinder in Situationen ähnlich der der Zwölf Stämme-Kinder erleiden.

Abschließend ist es überraschend, dass sich das Familiengericht auf anonym ins Internet gestellte Memoiren verlässt statt auf sorgfältig erforschte sozialwissenschaftliche Studien über die Zwölf Stämme, die in namhaften Zeitschriften und Verlagen (wie Oxford University Press und Rutgers University Press) veröffentlicht wurden. Warum wird ein anonymer Autor, der ein ehemaliges Mitglied ist, als verlässlicher angesehen als ein Wissenschaftler mit Doktortitel, der an Universitäten lehrt?

Und zum Schluss noch ein weiteres Beispiel eines typischen „Aussteigerberichts“ von einem „Aussteiger“ aus der katholischen Kirche …
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