Kronzeuge: „Sekten-Aussteiger“

Und wieder hat sich der „Sekten-Aussteiger“ Christian Reip in der Öffentlichkeit geäußert. Seit zwei Jahren tritt er, seine Geschwister und seine Eltern auf um ihre Aussteiger-Erfahrungen kund zu tun, meistens unter anderem Namen. Im Focus, im Spiegel, in mehreren RTL-Reportagen, vor Gericht und nun im Bayerischen Rundfunk versuchen sie die „Zwölf Stämme“ anzuschwärzen und ihnen den Garaus zu machen. Dass eigentlich seine eigenen Eltern die Verantwortung für die „traurige Familiengeschichte“ tragen, erwähnt niemand. Schließlich waren sie es, die sich freiwillig dafür entschieden haben in die Gruppe einzutreten, und sie waren es auch die ihre Kinder erzogen haben. Jetzt machen sie die Gemeinschaft für ihre Familientragöde verantwortlich.

(Siehe auch unseren Beitrag über seine Schwester:Zu dem Spiegel-Beitrag: “Wie eine Austeigerin versucht, ins Leben zu finden…“)

Gemeinsam mit den sensationellen Aussagen eines missmutigen Ehemannes, dessen Frau in der Gemeinschaft geblieben ist, wird durch die Medien der falsche Eindruck erweckt, dass es unzählige Aussteiger gibt, weil sich auch dieser unter verschiedenen falschen Namen, im ARD als Frank Büchner, im Focus als H. Beyer und im RTL als Klaus F. ausgab. Aber dass es Hunderte von zufriedenen Mitgliedern gibt darunter viele junge Menschen, die in den „Zwölf Stämmen“ aufgewachsen sind, davon berichtet niemand.

Das Phänomen der „Sekten-Aussteiger“ und den Umgang mit Sekten beschreibt der Religionswissenschaftler und Religionssoziologe Gerald Willms sehr anschaulich – als ob er das Drehbuch für die famliengerichtlichen Verfahren der Zwölf Stämme Familien geschrieben hätte:

Wie fest der Glaube an die Sektenklischees und die »gehirngewaschenen« Anhänger in der Öffentlichkeit verankert ist, lässt sich gut daran erkennen, dass in der Öffentlichkeit nicht aktuelle, sondern ehemalige Anhänger als Repräsentanten von »Sekten« wahrgenommen werden.“

… „Die als Kronzeugen auftretenden Aussteiger sind eigentlich nur jene, die willens und bereit sind, sich öffentlich und mit aller Entschiedenheit gegen ihre ehemalige Glaubensgemeinschaft zu stellen. Und in dieser Rolle als Apostaten sind sie nicht einmal repräsentative Aussteiger, denn jedes Jahr verlassen Abertausende von Menschen aus den vielfältigsten Gründen »ihre« religiöse Gemeinschaft. Ein Prozentsatz ganz nahe 100 tut dies nebenwirkungsfrei und völlig »geräuschlos«, weil ihre tatsächlichen Erfahrungen nichts mit den oben genannten Klischees zu tun haben. Diese Menschen sind die eigentlich repräsentativen Aussteiger, sie finden aber niemals mediale Beachtung, weil sich Medien nicht für etwas Alltägliches interessieren.
Zitate aus dem Buch des Religionswissenschaftlers/ Religionssoziologen Gerald Willms,
Die wunderbare Welt der Sekten, Von Paulus bis Scientology, 1. Auflage 2012, S. 275,276