Das ist die Frage, die eine englische Journalistin im britischen „Daily Telegraph“ vor Kurzem erläutert hat:

Haben Schwedens nachgiebige Eltern eine Generation von Monstern geboren?

Nachdem die von der Rute verschonten Kinder nun erwachsen sind, gibt es immer mehr Zweifel an dieser Erziehungsmethode, stellt Judith Woods fest.

Furchterregende Kinder: Kinder an der Macht aus dem Film „Dorf der Verdammten“ (1995) Aber Schwedens Kinder werden zu problematischen Jugendlichen, die zu sehr viel Enttäuschung in ihrem Leben neigen.

Furchterregende Kinder: Kinder an der Macht aus dem Film „Dorf der Verdammten“ (1995) Aber Schwedens Kinder werden zu problematischen Jugendlichen, die zu sehr viel Enttäuschung in ihrem Leben neigen.

 

Meine 5-Jährige ist überaus verärgert, wenn ihr Wille 
gekreuzt wird. Ich habe ihre Menschenrechte verletzt, 
indem ich ihr vorsichtig vorschlug, den Fernseher 
auszuschalten und sich anzuziehen.
Ich kann sehen, wie sich dunkle Sturmwolken über ihren 
donnernden Augenbrauen zusammenziehen, sie ihre Augen 
schmälert und ihre Lippen in Verdruss à la Shakespeare 
(„how sharper than a serpent’s tooth it is to have a 
thankless child“) zusammenkneift, während sie nach der 
verletzendsten Waffe sucht, die ihr in den Sinn kommt – 
Undankbarkeit „Du bist nicht mehr meine Freundin.“
Worauf ich so flink wie der Dolch von Lady Mc. Beth 
erwidere: „ Also um ganz klar zu stellen, ich war sowieso 
noch nie deine Freundin, mein Liebling. Freunde waschen 
nicht deine Socken, oder kaufen dir eine warme Winterjacke 
oder bringen dich dazu, deine Zähne zu putzen, damit sie 
dir nicht in deinem Mund verfaulen.“
So, jetzt zieh dich bitte an, ansonsten werde ich in der 
Schule anrufen und die werden die Polizei vorbeischicken, 
um deine ganzen Sylvanians (Steiff Tierchen) zu verhaften 
und außer Landes zu schaffen.“

Knallharte Liebe vielleicht. Aber nichtsdestotrotz Liebe. Und ohne mir etwas darauf einbilden zu wollen (das ist bloß eine willkommene Nebenerscheinung), meine Liebe ist eine altmodische, britische Art der Kindererziehung, welche bald Mode werden könnte, und das ausgerechnet in Skandinavien.

Richtig, genau diese Länder, welche sich einst ihres „erleuchteten, kinderorientierten Erziehungsstils“ rühmten, überlegen jetzt, wohin die Weisheit geführt hat, ihrem Nachwuchs alles zu erlauben, was ihnen in den Kopf kommt.

Ein schwedischer, wissenschaftlicher Erfolgsautor kommt zu der Schlussfolgerung, dass nachgiebige Erziehung eine Generation von arroganten jungen Erwachsenen hervorbringt, denen es an menschlichem Einfühlungsvermögen und persönlichem Durchhaltevermögen mangelt, und die, nachdem sie eine verwöhnte Kindheit hinter sich haben, dazu bestimmt sind, im Leben bitter enttäuscht zu sein.

“Einem Kind „nein“ zu sagen ist nicht das selbe wie ein Kind zu schlagen. Eltern sollten sich verhalten wie Eltern und nicht wie ihre besten Freunde,“ sagt David Eberhard, Psychiater, Vater von sechs Kindern und Autor von „Wie Kinder die Macht übernahmen“. “Sie sollten ihre Kinder aufs Erwachsenenleben vorbereiten, indem sie ihnen beibringen, wie sie sich verhalten sollen und sie nicht wie Prinzen und Prinzessinnen behandeln. In Schweden denkt man, dass jegliche Form des Eingreifens sozusagen eine Kindeswohlbeeinträchtigung ist.

Die vermeintlichen Experten sind der Meinung, dass Eltern verhandeln sollten anstatt zu bestrafen. Sie haben das Konzept der Kindererziehung falsch verstanden. Kinder sind nicht so zerbrechlich wie sie meinen.“

Eberhard, 47 Jahre alt, deutet die fehlende Disziplin an Schulen, drastisch absackende Noten und einen beunruhigenden Anstieg von Selbstmordversuchen bei Jugendlichen als Beweis dafür, dass es zum Scheitern verurteilt ist, Kindern zu erlauben, den Chef zu spielen.

Schweden war das erste Land auf unserem Planeten, welches 1979 ein Verbot der Körperstrafe einführte. Als Folge davon kam man zu der Ansicht, dass jegliche Hierarchie innerhalb der Familien über Bord geworfen und Kinder wie Erwachsene behandelt werden sollten.

Diese sozialdemokratischen Werte des „Gleichmachen-Wollens“ mögen vielleicht in der Wirtschaft funktionieren, doch in der Familie richten sie eine häusliche Katastrophe an.

Frank Furedi

Frank Furedi

“Was mir am meisten an der schwedischen Gesellschaft auffällt und mich am meisten beunruhig ist, wie Erwachsene freiwillig ihre Autorität abgeben,“ sagt Frank Furedi, Professor für Soziologie an der Universität Kent und Gründer von „Wahnsinniger Kindererziehung“. “Es fing damit an, dass das Bestrafen von Kindern verurteilt wurde und die Eltern dann eine krankhafte Angst davor entwickelten ihre Kinder zu disziplinieren, was aber Eltern eigentlich tun sollten. Die Sorge sollte nicht sein, was den Kindern widerfährt, solange sie klein sind, sondern was aus ihnen wird, wenn sie erwachsen sind.“

Der außenstehenden Welt erscheint es, als ob die Skandinavier ihre passive, lockere Kindererziehung zu einem nationalen Hobby gemacht haben. Historisch gesehen hat man immer die Freiheiten der skandinavischen Kinder bewundert, denn sie konnten viel Zeit draußen und in der Natur verbringen und sich im Wintersport bis zum Anschlag austoben.

Schweden ist berühmt dafür, dass Kinder nicht vor dem sechsten oder siebten Lebensjahr eingeschult werden, etwas, was oft von Pädagogen als ein Vorzug unserem System gegenüber zitiert wurde. In England müssen alle Kinder ab dem fünften Lebensjahr am Vollzeit-Unterricht teilnehmen.

Eine Gruppe führender englischer Pädagogen, einschließlich Lord Layard, Direktor des „Well-Being Programms an der London Schule für Wirtschaft und David Whitebread, leitender Professor für Erziehungspsychologie der Universität Cambridge, forderte in einem Brief an „The Daily Telegraph“ letzten September dazu auf, dass man das skandinavische Modell nachahmen sollte.

“Trotz der Tatsache, dass 90 Prozent aller Länder der Welt dem sozialen und emotionalen Lernen Vorrang geben und Schulunterricht mit sechs oder sieben beginnen, scheinen wir hier in England verbissen und entschlossen an dem irrtümlichen Glauben festzuhalten, dass ein früherer Anfang, später bessere Ergebnisse bedeuten würde,“ meint Wendy Ellyatt, Gründer der Kampagne “Rettet die Kindheit-Bewegung“, die Absenderin des Briefes. „Es ist nichts falsch daran, einen hohen Bildungsstandard und Verantwortungsbewusstsein anzustreben, aber es läuft ganz gewiss etwas falsch, wenn all das auf Kosten der natürlichen Entwicklung geht.

Obwohl ein idyllisches Bild gemalt wird, scheint doch etwas faul zu sein in Schweden. Eberhard deutet auf wachsende soziale Probleme in Schulen hin, wo schwedische Schüler sich konstant weigern, den Anweisungen der Lehrer zu folgen, was seiner Ansicht nach später unerfüllte junge Erwachsene zuwege bringt.

“Internationale Vergleiche des Bildungsniveaus zeigen einen großen Widerspruch zwischen dem, was erreicht wird und wie die Länder sich selbst einschätzen“ sagt er. „Die Erwartungen (an die Schüler) sind zu hoch und das Leben fällt ihnen schwer. Das macht sich bemerkbar anhand von Angstzuständen und vorsätzlichen Selbstbeschädigungen, welche drastisch zunehmen.“

Aber wer ist wirklich überrascht? Alle Eltern (außer schwedische), sind sich darin einig, dass vernünftiges Verhandeln mit einem anderen Erwachsenen gut funktioniert, aber nicht mit einem ärgerlichen, müden Kleinkind „in Not“. Ebenso ist es unfair, Kinder selbst entscheiden zu lassen, wann sie ins Bett gehen und dann zu erwarten, dass sie als Jugendliche vernünftig sein sollen – das ist offen gesagt unverantwortlich.

Ich kenne viele lockere Eltern, die glauben, dass sie mit der Haltung „immer cool bleiben“ mit ihren Kindern die Gefahren an den Schulen der Sekundarstufe und was sonst noch auf sie zukommt, ausdiskutieren können. Aber ich kann nicht behaupten, dass diese mehr darüber Bescheid wissen, was wirklich los ist, als die anderen Eltern, die ihre strengen Regeln und deutlich abgegrenzten Erwartungen entschieden durchsetzen. Tatsächlich würde ich sogar soweit gehen und behaupten, dass jene lockeren Eltern weniger Bescheid wissen und mehr schlucken.

Ich kann mir nicht vorstellen, Kinder ohne Grenzen großzuziehen; was würde ich dadurch bestärken? Wogegen würden sie anrennen? Bei dem Wort „Grenze“ denke ich an Hecken, in denen der Wiesenkerbel blüht, ein struppiges Rotkehlchen herum hüpft und einer oder zwei Kohlweißlinge, die durch die Luft flattern. Aber in Skandinavien, wo Grenzen abgeschafft wurden, ist das brachliegende Flachland so trostlos wie eine düstere nordische Krimiszene.

“Junge Menschen in Schweden tendieren dazu, im Leben sehr enttäuscht zu sein, vor allem zwischen zwanzig und dreißig,“ beobachtet Eberhard. „Obwohl die Selbstmordrate sinkt, gibt es einen riesigen Anstieg an Selbstmordversuchen, besonders bei Mädchen zwischen 15 und 25“.

Diese Hilferufe dürfen keinesfalls ignoriert werden; ob die schwedische Gesellschaft sich dafür entscheidet, aufzuhorchen, ist eine andere Sache. Dennoch wäre es falsch, die Auswüchse der antiautoritären Erziehung in die Waagschale zu werfen gegen das gegensätzliche Extrem der autoritären Erziehung.

Die meisten Eltern mit gesundem Menschenverstand halten sich in der goldenen Mitte, denn Kindererziehung ist eine Kunst und nicht eine Wissenschaft. Ich gestehe ganz ehrlich, dass ich es nicht immer richtig mache. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mich in den meisten Situationen richtig verhalten habe, aber ich werde es trotzdem weiterhin versuchen. Vielleicht bin ich nicht die Freundin meiner Töchter, aber ich hoffe, dass ich jemand bin, zu dem sie eine länger andauernde Beziehung entwickeln. Feste Hände und Fairness schließen nicht immer Spaß aus: Fragen Sie mal Mary Poppins, Mrs. Doubtfire und Nanny McPhee.

Wir haben wohl alle gemerkt, dass man Kindererziehung gleichsetzen kann mit Achterbahn fahren, mit Höhen und Tiefen und unerwarteten Turbulenzen, ein Holterdiepolter, Saltos und Karussellfahren. So ist es jedenfalls bei mir Zuhause, ich sorge dafür, dass alle wissen, dass die Erwachsenen die Schlüssel zum Rummelplatz haben.

http://www.telegraph.co.uk/women/mother-tongue/10636279/Have-Swedens-permissive-parents-given-birth-to-a-generation-of-monsters.html

Judith Woods
Judith Woods