SZ150114

Zur besseren Lesbarkeit hat Herr Agrippino Rovetto den Text aus der Zeitung abgeschrieben

Von Stefan Mayr
(obiger referenzierter Zeitungsartikel)

Deiningen – Carsten und Britta Hennigfeld sitzen auf einer leicht abgesessenen dunkelgrünen Ledercouch. Schulter an Schulter. Er hält ihre Hand, sie wischt sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht. Auf dem Tisch vor ihnen stehen ein Teller Plätzchen und eine Kanne Mate-Tee. Die Tassen sind selbst getöpfert, die Wand vertäfelt mit hellem Holz. In der Ecke bollert ein Holzofen. Es ist gemütlich hier in der Stube der ultrabiblischen Glaubensgemeinschaft “Zwolf Stamme” auf dem Gutshof Klosterzimmern im schwäbischen Deiningen. Aber gute Laune kommt nicht auf.

“Uns zerreisst es jeden Tag das Herz, wir haben noch nie so viel geweint sagt Carsten Hennigfeld. Seine Frau sagt: “Wir sind so hilflos, so ohnmächtig”. Die Hennigfelds sind eines von zwölf Ehepaaren der “Zwölf Stamme” denen im September vergangenen Jahres bei einer aufsehenerregenden Razzia die Kinder weggenommen wurden. Das Familiengericht hat ihnen vorläufig das Sorgerecht entzogen. Den Eltern wird vorgeworfen, ihre Kinder “systematisch körperlich und psychisch zu misshandeln”.

Heute, vier Monate später, sitzen ein Dutzend Mitglieder der Gemeinschaft in ihrer Stube und sprechen offen über die Vorwürfe.

Es ist der Versuch einer Gegenoffensive, sie klagen das Jugendamt scharf an. Sie fühlen sich nicht als Täter, sondern als Opfer. “Wir werden behandelt wie Schwerverbrecher”, sagt Britta Hennigfeld, “aber, wer hier unsere Kinder misshandelt, sind nicht wir, sondern die Behörden.”

Beim Anblick der Rute, sagt ein Vater, kapierten die Kinder, dass ihr Verhalten nicht gut war.

Am schärfsten kritisieren sie eine zweite Polizeiaktion, die im Dezember in Dürr- lauingen (Kreis Günzburg) stattfand. Im dortigen Mutter-Kind-Haus des Sankt-Ni- kolaus-Heimes waren Britta Hennigfeld und zwei weitere Mutter der “Zwölf Stämme” untergebracht. Weil sie ihre Kinder im Alter von 18 Monaten bis drei Jahren noch stillen und nach der ersten Razzia nicht von ihnen getrennt werden sollten. Das ging drei Monate lang gut. Bis zum 9. Dezember. Urn sieben Uhr morgens standen Beamte des Jugendamts und der Polizei unangemeldet vor der Tür. Sie nahmen drei Babys und vier ältere Geschwisterkinder mit. Jedes Kind wurde in ein anderes Auto gesteckt und weggebracht.

“Ich wollte meine Tochter noch mal stillen, aber zwei Polizisten haben meine Arme nach hinten gedreht und mir das Mädchen weggenommen”, sagt Raissa Santos Reip. Die 27-Jährige sitzt auf einem Holzstuhl neben den Hennigfelds, auch sie hat Tränen in den Augen. “Meine drei grösseren Kinder haben geschrien und sich an mir festgeklammert”, erzählt sie. “Ich wollte mich verabschieden, aber ich durfte sie nicht einmal mehr küssen.” Britta Hennigfeld sagt: “Ich weiss nicht, wie unsere Kinder das packen werden.”

Auch unbeteiligte Personen, die diese Aktion miterlebt haben, kritisieren das Vorgehen der Behörden. “Das schreit zum Himmel” sagt Patricia Forster, eine Mutter, die ebenfalls im Sankt-Nikolaus-Heim untergebracht ist, das war unter aller Würde.” Manfred Herrmann, ein Bürger aus Dürrlauingen, schimpft: ,,So geht man nicht mit Menschen um!” Der 74-Jährige sagt, er habe “keinen Sparren los” und wolle auch nicht die Glaubensgemeinschaft unterstützen, aber: “Was da abgelaufen ist, war ungehörig.”

Er und fünf weitere Dürrlauinger haben einen Protestbrief an das Jugendamt und an das Familiengericht geschrieben. Darin heisst es etwas umständlich: “Das entbehrt jeglicher Nachvollziehbarkeit”.

Stimmt das? Kann es sein, dass die Behörden mit den ,,Inobhutnahmen”, wie sie das Herausnehmen von Kindern aus ihren Elternhäusern nennen, übertrieben haben? Dass sie den Kindern damit mehr schaden als nützen?

Anlass der ersten Razzia war die Reportage eines RTL-Journalisten. Er hatte mit versteckter Kamera aufgenommen, wie mehrere Mütter in einem Abstellraum ihre Kinder mit einer Rute auf den Po schlugen. Grund für die Strafe war in einem Fall offenbar, dass ein Kind nicht schlafen wollte: ”Sag, ich bin müde”, forderte die Mutter.

Sie schlug ihren Sohn immer wieder, bis er wimmerte: ,,Ich bin müde.” Für Aussenstehende klingt das stark nach dem Versuch, den Willen des Kindes zu brechen.

Vier Monate nach der wohl grössten Massen – Inobhutnahme in der Geschichte der Bundesrepublik steht eines fest: Unter der Situation leiden vor allem die Kinder, die Spätfolgen sind nicht absehbar.

In dem Gezerre zwischen Gemeinschaft und Jugendamt sind die Kleinsten die Unschuldigsten – die grössten Verlierer.

Deshalb drängt sich, auch wenn man die Erziehungsmethoden der ,,Zwölf Stämme” verurteilt, eine Frage auf: Was ist für die Kinder schlimmer? Die Züchtigung oder die dauerhafte Trennung von den Eltern? Aufgabe des Jugendamtes ist es, das Kindswohl zu schützen, also Kinder vor körperlichen oder seelischen Schaden zu bewahren.

Aber wo geht es jetzt den Kindern der “Zwölf Stämme” besser? Bei ihren Eltern, die Rutenschläge als legitimes Erziehungsmittel betrachten? Oder getrennt von Mutter und Vater, mitunter schon im Kleinkindalter, und teilweise in Heimen unter schwer erziehbaren Kindern?

Die Mitglieder der “Zwölf Stämme” züchtigen ihre Kinder mit Ruten, das geben sie auch offen zu. Klaus Schüle, dem zwei Kinder weggenommen wurden, zitiert die Bibel: “Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er. Er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat” (Hebräer 12,6). ”Wir benutzen die Rute, well wir nicht die Hand erheben möchten” sagt Carsten Hennigfeld. Er sagt aber auch: “Wir distanzieren uns von Gewalt.”

Wie passt das zusammen? “Man muss unterscheiden”, sagt der 37-jährige Vater zweier Kinder, “zwischen liebevoller Korrektur, ohne Schaden zuzufügen, und einem emotionalen Ausbruch wie einer Ohrfeige oder Schlägen. Uns wird Gewalt unterstellt, aber die Kinder haben noch nie so einen Gewaltakt erlebt wie diese Inobhutnahme!”

Die Kluft zwischen den “Zwölf Stämmen” und den Behörden verläuft also entlang der Definition von Gewalt.

Vater Obadja Müller sagt: “Erziehung ohne Züchtigung funktioniert nicht.” Er streckt seinen kleinen Finger in die Luft und sagt: “Das Rütchen wird ja nur benutzt, wenn es einen Grund gibt. Kleine Kinder können abstrakte Dinge nicht verstehen, aber ein kleines Stöckchen verstehen sie schon. Da kapieren sie auch, dass ihr Verhalten nicht gut ist.”

Massvolles Züchtigen. Das Rütchen. Mit solchen Aussagen stossen die “Zwölf Stämme” ausserhalb der Gemeinschaft auf Unverständnis. Sie strapazieren die Toleranz der restlichen Gesellschaft und fühlen sich dabei auf der Seite des Herrn, also im Recht. Seit der Razzia veranstalten sie Gesprächsabende in Sportheimen, bei denen sie den mehr oder weniger erschrockenen Zuhörern sogar ihre Ruten zeigen. Dabei betonen sie, dass in anderen Ländern der Europäischen Union das Schlagen der Kinder erlaubt sei. Und dass es in den USA Bundesstaaten gebe, in denen sogar Lehrer ihre Schüler züchtigen dürfen.

Anderseits sagt das Bürgerliche Gesetzbuch in Paragraf 1631: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Massnahmen sind unzulässig. Umstritten ist allerdings, wie ein Verstoss gegen diesen Paragrafen geahndet werden soll.

“Wenn das Kindswohl durch massives Fehlverhalten gefährdet ist, ist das Familiengericht gesetzlich verpflichtet einzuschreiten sagt Helmut Beyschlag, der Direktor des Amtsgerichts Nördlingen.

“Trotz vieler Gespräche und Hilfsangebote haben die “Zwölf Stämme” weiterhin ihre Kinder gezüchtigt und seelisch misshandelt.” Vater Schüle widerspricht: “Eine Inobhutnahme gilt als allerletztes Mittel, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Aber von unseren zwölf betroffenen Familien haben zehn erst jetzt zum ersten Mal Kontakt mit dem Jugendamt.”

Michele Noterdaeme ist Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie. Die Chefarztin des Augsburger Kinderkrankenhauses Josefinum hat den Fall “Zwölf Stämme” intensiv verfolgt.

Ihr Urteil über das Vorgehen des Jugendamtes fallt mindestens distanziert aus: “Man muss jeden Einzelfall eigens anschauen” sagt sie, “man kann das Vorgehen der Behörden durchaus kritisch sehen.” Aber sie gehe davon aus, dass sich das Gericht den Entzug des Sorgerechts gut überlegt hat. “In geschlossenen Gruppen und Gemeinschaften kann eine nicht vorhersehbare Dynamik wirksam werden, und ich kann mir vorstellen, dass das Gericht gedacht hat: Das Risiko ist nicht kalkulierbar, deshalb hat es um das Kindswohl gefürchtet.”

Offenbar sind nicht alle Kinder froh, dem Reich der Rute entnommen worden zu sein. Fünf sind aus dem Helm oder der Pflegefarnilie abgehauen. Zurück zu ihren Eltern. Zum Beispiel Eva Krunibacher. Die 17-Jährige war elf Tage nach der Inobhutnahme geflüchtet. Inzwischen darf sie – wie vier andere Kinder der “Zwölf Stämme” auch – durch Gerichtsbeschluss wieder bei ihren Eltern leben.

Jetzt sitzt sie ebenfalls auf einem grünen Ledersessel und redet sich in Rage, bis ihre Wangen rot sind,  ”Was das Jugenamt und antut, ist schrecklich. Die kleinen Kinder leiden ja noch viel mehr als ich.”  Sie trägt den Einheitslook der Gemeinschaft. Einen knöchellangen Rock und ein schlichtes, hochgeschlossenes Oberteil. Es gibt Aussteiger in ihrem Alter, die bezeichnen das Leben bei den “Zwölf Stämmen” als Hölle. Eva Krumbacher sagt: “Ich will später meine Kinder auch so erziehen.”

Ganz ähnlich äussert sich Samir Schüle, der im Kreise der “Zwölf Stämme” aufgewachsen ist. Der 22 – Jährige sitzt im Hofladen des Gutshofs und trinkt Kaffee.

“Immer wenn ich Züchtigung wollte, habe ich sie mir geholt sagt er und lächelt. “Wer nicht selbst mit liebevoller Disziplin aufgewachsen ist, kann das schwer verstehen!”

Er jedenfalls sei “dankbar” dass er gezüchtigt wurde. Stolz posiert er mit seiner Schwester und seiner Mutter für ein Familienfoto mit der Rute. “Ich bin überzeugt, dass hier der beste Platz zu leben ist.”

Psychologin Noterdaeme kennt das Phänomen: “Kinder stehen ihren Eltern immer loyal gegenüber” Selbst Kinder ,,aus sehr gestörten Familienverhältnissen” zeigten sich oft sehr loyal. “Das ist manchmal erstaunlich, aber auch gut so”

Haben die Behörden überreagiert? “Je jünger das Kind ist, desto abhängiger ist es von der Mutter, desto mehr gute Argumente braucht es, um es wegzunehmen”, sagt die Professorin. Wenn ein eineinhalbjähriges Kind plötzlich von seiner Mutter getrennt werde, dann stelle das “ein erhebliches Risiko für die Entwicklung” dar. Nach dem abrupten Ende einer derart engen Beziehung tun sich manche Kinder schwer, neue Beziehungen einzugehen. Das kann bis ins Erwachsenenalter anhalten” Andererseits könnten aber auch regelmässige Schläge die Seele des heranwachsenden Menschen dauerhaft schädigen.

War die zweite Aktion mit den Kleinkindern also angemessen? Noterdaeme formuliert vorsichtig bis ausweichend: Die Aufgaben des Jugendamtes sind nicht einfach. Die Mitarbeiter stünden zwischen zwei Polen: Tun wir nichts, werden wir kritisiert – werden wir aktiv, gibt es auch Kritik. “Ich gehe davon aus, dass das Jugendamt gute, belegbare Gründe hatte. Wenn keine Gefahr im Verzug ist, dann ist eine Inobhutnahme nicht gerechtfertigt.” Nach Auskunft der Augenzeugen aus dem Heim in Dürrlauingen bestand dort — zumindest kurzfristig — keine Gefahr für die kleinen Kinder.

Das Landratsamt Donau-Ries argumentiert ausschliesslich juristisch. “Das Jugendamt hat nur den Beschluss des Familiengerichts vollzogen, das den Eltern vorläufig das Sorgerecht entzogen hatte”, sagt eine Sprecherin. Nur wegen der Stillbabys habe man den Vollzug vorübergehend ausgesetzt. “Die Mutter hatten genug Zeit abzustillen, und sie wussten, dass die Trennung irgendwann erfolgen wird.” Und Landrat Stefan Röffle sagt: “Wir müssen Gewähr bieten, dass keine Straftaten passieren.”

Nein, auf die Schlage wollen sie nicht verzichten, dafür klagen sie sich notfalls durch alle Instanzen

Juristisch war das Vorgehen also wohl korrekt. Aber war es auch in psychologischer Hinsicht angemessen? Landrat Rössler sagt: “Meine Mitarbeiter haben sehr gründlich abgewogen. Ihnen gehen die Schicksale sehr nahe, die haben schlaflose Nächte.” So ist die Lage: Keiner der Beteiligten ist wirklich glücklich mit der Situation. Immer wieder fahren die Eltern der “Zwölf Stämme” nach Donauwörth, um vor dem Landratsamt zu demonstrieren. “Unsere Kinder werden gegen ihren Willen festgehalten”, rufen ein Dutzend Gemeinschaftsmitglieder unter dem Fenster des Landratsbüros. Das historische Eckhaus hat am Dachgiebel Zinnen, von der Strasse aus wirkt es wie eine Burg. “Haben Sie ein Herz aus Stein?”, rufen die Eltern. Eine Passantin spricht die Demonstranten an: “Ihr habt kein Recht, eure Kinder zu schlagen” Wenige Minuten später kommt sie wieder und malt mit bunter Kreide einen Spruch auf die Strasse. “Die Freiheit des einen beginnt erst dort, wo die des anderen endet.”

Diese Grenze überschritten zu haben, werfen die “Zwölf Stämme” und das Familiengericht einander vor.

Irgendwann in diesem Jahr werden die Familiengerichte ihre Hauptverfahren ab- schliessen und über das Sorgerecht für jedes einzelne Kind entscheiden. “Wir werden durch alle Instanzen gehen”, sagt Vater Klaus Schüle, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof” Er und die anderen Eltern konnten das Verfahren abkürzen und die Trennung von ihren Kindern beenden, indem sie sich von den Rutenschlägen lossagen. Doch das kommt für sie nicht in Frage. Schüle zitiert abermals die Bibel: “Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten” (Sprüche 13,24).

Die Glaubensgemeinschaft mit ihren 100 Mitgliedern ist also entschlossen, den Staat und seine Gesetze herauszufordern. Und zwar mit aller Gewalt.

Inzwischen sind die ein bis drei Jahre alten Kinder seit zwei Monaten von ihren Eltern getrennt. Sie haben sich seit dem nicht gesehen, sie durften bislang nur einmal etwa zehn Minuten lang telefonieren.