Meine liebe Stadt Nördlingen,

Das graue, schwarz weiße Bild holte meine Gedanken ein. Sie schienen mir auf dem Foto entgegen zu kommen- Menschen in einem langen Zug, zu Fuss, mit ihren Habseligkeiten in der Hand…

Oh wie schön alles geschmückt ist, so weihnachtlich schön dekoriert, solche Mühe haben Sie sich hier gemacht!“
Die Stimme der älteren Dame, die gerade den Empfang der Arztpraxis betritt, bringt die Sprechstundenhilfe zum Lächeln.

Angenehm berührt wendet sie sich meiner Tochter zu: „Ihre Daten bitte?“

Deiningen_05_Dez_13-1


So freundlich wie ich sie kenne, gibt Judit ihr Geburtsdatum an:
Geboren 1990, wohnhaft zur Zeit in Deiningen, Klosterzimmern.

„Klosterzimmern?“ fragt sie.

Auf einmal war sie weg, die Frau hinter dem Schalter, musste wahrscheinlich kurz im Behandlungszimmer des Arztes helfen.

Mein Blick schweifte von meiner Tochter, die geduldig lächelnd wartete, an die Wand. Sie war übersät mit Urkunden ärztlicher Kongresse und Auszeichnungen der Ärztekammer. Alles in verschnörkelter Schrift, auf alt und wertvoll getrimmt.

Die Stimme der Arzthelferin riss mich plötzlich aus meinen Betrachtungen. „Leider ist es uns nicht möglich Ihnen bei uns ärztliche Hilfe zu kommen zu lassen…“

Oh wie bitte? Was meint sie denn damit?

„…Es ist aus Kassenrechtlichen Gründen verwehrt…“

Die Stimme war so stereotyp und emotionslos, als starrte ich plötzlich wieder in das Bild: Männer, Frauen und Kinder mit langen Mänteln und Hüten und kleinen Koffern in der Hand… Ob sie alle weggeschaut hatten, als sie an ihnen vorbeigegangen waren? Es waren doch ihre Nachbarn gewesen…

Wie ist das denn möglich – wir haben doch unsere Rechnungen bei Ihnen immer bezahlt. Wir sind doch schon öfter bei Ihnen gewesen. Meine Tochter braucht doch Hilfe mit ihrem Fuß, die hat ein Problem und braucht Hilfe, weil sie in 3 Tagen nach Amerika zurück muss und Sie sind die einzigste Praxis“!!!

„Das ist leider die Vorschrift- Wir können da keine Ausnahme machen.“

Das kann doch nicht wahr sein! – Alle wussten es damals und keiner hat Halt! geschrien…

Plötzlich brach es aus mir hervor: „Ich möchte sofort Ihren Chef sehen!“

Die Sprechstundenhilfe wich zurück ins Sprechzimmer. Momente später steht der Arzt in seinem weißen Kittel vor mir.

Jetzt hören Sie bitte zu,“ mein Blick war direkt auf sein Gesicht gerichtet, „wir sind doch nicht die Ersten aus Klosterzimmern, die Sie behandelt haben. Meine Tochter hat doch eine Not und Sie als Arzt haben doch eine Verpflichtung ihr Hilfe zu leisten – sie hat doch nichts Böses getan!“

Sein Blick war gesenkt. „Uns ist es leider aus Kassenrechtlichen Gründen verwehrt… Es ist alles rechtlich.“

Meine Stimme war am Beben: „Aber Sie haben doch eine medizinische Sorgfaltpflicht, der sie nachkommen müssen!“

Die Verdrehtheit der ganzen Situation verschlägt mir die Sprache. In meinem Kopf pochen noch die Anklagen des Gerichts:
Sie vernachlässigen außerdem die medizinische Sorgfaltspflicht, weil Sie mit ihren Kindern nicht zum Arzt gehen – deshalb können ihre Kinder Ihnen nicht wieder zurückgegeben werden…“

Als ich mit meiner Tochter die Arztpraxis in meinem bisher so geliebten Nördlingen verlasse, reihen wir uns in das graue, schwarz-weiße Bild von damals ein. Damals hatten sie ihnen alles genommen: Ihre Kinder, ihre Märkte, ihre ärztliche Versorgung, ihre Religionsfreiheit.

Ich wundere mich, ob Schweigen wieder alles 
zudecken wird –  so wie damals?