Ich habe Mo-Aydah Tlapak vor etwa 13 Jahren kennen gelernt.

Wichtige Stationen ihres Lebens habe ich mitverfolgen können, so ihre Bat Mitzwa und ihre Hochzeit, aber auch viele Festlichkeiten und andere Anlässe.

Ich habe auch mehrfach für mehrere Tage in der Gemeinschaft gelebt und hatte dadurch die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken.

Dabei lege ich Wert darauf, dass ich selbst keiner religiösen Sondergemeinschaft zugehöre, sondern einfach evangelisch bin. Ich halte mich daher für eine objektive Beobachterin und habe nicht das Gefühl, dass ich mich bei meinem Urteil von religiösen Vorurteilen zugunsten der Zwölf Stämme leiten lassen könnte.

Mo-Aydah und ich waren beide so etwa 10 Jahre alt, als wir uns kennen lernten, und seither verfolgen wir unsere beiden Leben wechselseitig.

Die Gemeinschaft Zwölf Stämme lebte damals in Oberbronn in Baden-Württemberg, und ich bin mit meiner Mama und einer Freundin dort hingegangen, weil wir das interessant fanden. So wurden wir erst Brieffreundinnen und dann ganz dicke Freundinnen fürs Leben.

Die Familie ihrer Eltern war geprägt von von viel Verständnis und Zuneigung. Das kam mir damals als Kind und Jugendliche ganz natürlich vor, aber heute bin ich ausgebildete Familienpflegerin, habe 2 1⁄2 Jahre in diesem Beruf gearbeitet und studiere jetzt Sozialarbeit, so dass ich heute weiß, dass ein liebevolles Familienumfeld ganz und gar keine Selbstverständlichkeit ist. Bei Mo-Aydah zuhause und bei den anderen Familien in Klosterzimmern, mit denen ich in Berührung kam, habe ich aber ein solches liebevolles Miteinander erleben dürfen.

Die Kinder waren angstfrei und haben als Vorpubertäre und als Pubertierende die Grenzen ausgetestet, wie das Kinder und Jugendliche eben so machen. Wenn ich jetzt höre, dass der
Gemeinschaft Zwölf Stämme gewissermaßen militärischer Drill der Kinder vorgeworfen wird, so ist das absoluter Unsinn und widerspricht allem, was ich gesehen und erlebt habe.

Die Kinder und Jugendlichen in der Gemeinschaft waren ruhig und ausgeglichen, kein hippeligen Fernsehkinder. Sie leben sehr naturnah mit eigenem Garten, eigenen Tieren, selbst gemachter Musik, Basteln, Flechten, Töpfern, Schreinern, selbstgemachtem Theater und so weiter. Es sind die vielleicht kreativsten Kinder, die ich bisher kennen gelernt habe.

Auch bei der Wahl von Musikinstrumenten wurde einfühlsam auf die Begabungen, Interessen und Möglichkeiten jedes einzelnen Kindes eingegangen. Wir hatten Klavier, Geige, Harfe, Trompete, Flöten, Gitarre, Trommeln und so weiter. Die Kinder stehen ganz offensichtlich nicht unter Zwang oder Fremdbestimmung, sondern verhalten sich spontan, kreativ, offen, neugierig, manchmal so richtig unpassend – wie es sich für echte Kinder gehört, und haben auf mich niemals einen verstörten oder geschundenen Eindruck gemacht.

Auf die Kinder wurde sehr altersentsprechend eingegangen.

Am Samstag/Sabbat wurde Gottesdienst gefeiert und von den Kindern nicht verlangt, dass sie sich erwachsenem religiösem Denken anpassen. Stattdessen wurde den Kinder ein ganz und gar kindgerechtes Programm geboten, bei dem erzählt und gespielt und vorgespielt wird. Bibel-Geschichten werden so greifbar und nacherlebbar, und die Kinder fühlen sich durch das Mitmachen wertgeschätzt und aufgehoben.

Wenn ich jetzt etwas über Vorwürfe höre, dass sie Kinder stramm stehen müssten, dann kann ich kaum glauben, dass jemand so etwas in die Welt setzt.

Die Eltern reagieren auf ihre Kinder ruhig und überlegt, nie habe ich sie in Wut gesehen. Kindern und Jugendlichen wird mit Verständnis und großem Einfühlungsvermögen begegnet.

Das Kind hat auch nicht zahllose Ansprechpartner, so dass es sich in der Gruppe verliert, sondern wenn es Erwachsene etwas fragt, wird ihm oft gesagt, es solle zu Mama oder Papa gehen, um das Kind auch mit seinen Fragen wieder in seine eigenen Familie zurückzuführen, die Autorität seiner Eltern zu achten und dem Kind die Geborgenheit seiner Familie zu erhalten.

Die Erziehung ist aber nicht antiautoritär, sondern konsequent.

Zwischen Eltern und Kindern besteht eine stabile Beziehung, die von Zuneigung, Freundlichkeit und Liebkosungen der kleineren Kinder geprägt ist, und zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, dass Angst oder Strafen eine wesentliche Rolle im Erziehungskonzept der Familie meiner Freundin oder in der Gemeinschaft als Ganzes gespielt haben könnten.

Ich habe sehr angenehm in Erinnerung, dass meine Freundin nach der Geburt ihres ersten Kindes von einem Netzwerk liebevoller Beziehungen aufgefangen wurde, ihr Mann Noah ihr oft die Last der Kinderpflege abnahm, und auch andere Mitglieder der Gemeinschaft Klosterzimmern hilfreich und
entlastend zur Verfügung standen, um eine Überlastung von ihr als junger Mutter zu verhindern.

Ich habe nicht die Horrorgemeinschaft erlebt, über die in den Medien aufgeheizt berichtet wird, sondern eine Modellgemeinschaft, die ich immer wieder gerne besuche und in der ich mich ausgesprochen wohl fühle.

Wenn ich Kinder hätte und einmal für einige Tage ins Krankenhaus müsste, würde ich sie ohne Zögern in die Hände meiner Freundin und ihres Ehemannes geben.